Gefahrgut-Feuerwehr Werl auf der Interschutz 2010
Es sieht aus wie ein großer Dampfkessel oder ein Tank, der eigentlich unter die Erde gehört. Doch beim genaueren Hinsehen sind die vielen Anschlüsse, Schläuche und Hähne nicht zu übersehen. Feuerwehrrot leuchtet das große runde Etwas schon von Weitem sichtbar auf dem Feuerwehrhof in Werl – es ist eine Übungsanlage. Was für viele vielleicht nur ein Sammelsurium von Schrott-Teilen ist, bedeutet für ABC-Zugführer Karsten Korte (37) und seine Leute des Gefahrgut-Zuges ieinen zum Leben erweckten Traum. Denn die Ausbildung der Kameraden sollte nicht mehr nur über Theorie-Unterricht und Bilder stattfinden: „Wir wollten etwas anderes machen“, so Korte.
Angefangen hatte die Feuerwehr mit einem kleinen Kessel, der drei Leckagen hatte. Die Herausforderung stieg für den gelernten Gas-Wasser-Installateur mit jeder weiteren Idee von ihm oder seinen Kameraden. Heute steht ein großer Tank auf einer Lkw-Container-Brücke und schier unzählige Arten von Leckagen, Undichtigkeiten, Beschädigungen und Austritten können simuliert und praktisch geübt werden. Viele Teile sind vom Schrott, dennoch musste einiges investiert werden: „Viel Geld brauchten wir nicht, aber Arbeitsstunden. Weit über 2.000 haben wir alle zusammen eingebracht.“ So kam auch die Idee, sich über einen Wettbewerb für die Interschutz zu qualifizieren. Für viele ein Traum, der aus finanziellen Gründen schon allein nicht zu realisieren ist, denn ein Stand auf solch einer Messe kostet einfach Geld: „Wir sind mit über 2.100 Quadratmetern ein recht großer Aussteller“, sagt Karsten Korte tiefstapelnd. Nachfragen bei der Deutschen Messe, dem Organisator der Messe in Leipzig, bestätigen: Nur eine weitere Freiwillige Feuerwehr stellt überhaupt auf der Messe aus. Der ABC-Zug aus Werl ist zudem der zweitgrößte ideelle Aussteller überhaupt: So warten die Gefahrgut-Spezialisten mit einem Stand in der Halle 1 (F20) und im Außengelände sogar mit einem Doppelstand (C101 und C102) auf. „Das ist für uns eine einmalige Geschichte. Noch einmal werden wir das nicht gestemmt kriegen. Es sind alle so begeistert, opfern sogar ihren Urlaub“, bestätigt Korte.
Natürlich bringen die 30 Feuerwehrleute, die im Übrigen mit sieben Fahrzeugen anrücken, ein eigenes Presseteam vom Kreis Soest mit. „Wir werden etwa 3.600 Stunden dort investieren und die Übernachtungen zahlt jeder selber“, bestätigt Korte die „Verrücktheit“ der Aktiven, die aber noch auf Sponsoren für die Nächte hoffen. Neben dem „Dekon-P“, einem besonders ausgerüstetem Lkw mit Pritschen-Planen-Aufbau zur Dekontamination von Personen wird natürlich auch der Übungskessel nach Leipzig gebracht. „Jeder Besucher kann dann auch selber einen Schutzanzug anziehen und an unseren Übungsanlagen trainieren oder viel Neues kennenlernen. Auch zum Thema Feuerlöscher werden wir etwas anbieten. Wer sich traut, darf auch die Abdichtung versuchen“, sagt Alfons Stute (51) aus Holtum, der auch aktiv im ABC-Zug ist. Er zeigt derweil seinen Kameraden einen Schlauch, der mit Luft aus Atemschutzflaschen aufgepumpt eine Leckage in einem Rohr stoppt. „Der Umbau der Übungsanlage ist noch lange nicht fertig“, berichten die Feuerwehrleute im April. Viele Kleinigkeiten, die nur Eingeweihte sehen, funktionieren noch nicht wie gewollt. Was von Außen nicht sichtbar ist: Im Inneren der Anlage verlaufen Schläuche an unterschiedlich großen und kleinen Austrittsöffnungen. Manche sind mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, andere sind mehr als fingerdick.
So unterschiedlich die Leckagen sind, so unterschiedlich müssen die Feuerwehrleute vorgehen. „Vieles, was nun schon fertig ist, hat lange gebraucht – und es hat uns zusammengeschweißt“, sagt auch Markus Kaffka. Der 38-Jährige Elektroinstallateur wird auch zur Interschutz mitfahren. Er ist – na klar – für die Beleuchtung und eventuelle Spezialeffekte zuständig: „Im Moment erzählen wir noch nichts“, sagt der Mann, der in Westönnen wohnt.
47 Freiwillige Feuerwehrleute umfasst der ABC-Zug Werl, darunter bisher nur eine Feuerwehrfrau. Drei Jahre lang haben alle gemeinsam an dem heutigen Konzept der Schulung für ABC-Züge gearbeitet. „Doch auch wir lernen immer noch etwas dazu“, sagt der Chef der Gruppe, Karsten Korte. Mit seinen Helfern bringt er die Übungsanlage auch zu benachbarten Wehren. „Auch Berufsfeuerwehren leihen sich die Anlage aus, wir stellen dann das Personal und sehen dadurch immer wieder, was andere Wehren so nutzen.“ Am 3. November 2005 gab es dann in Werl einen realen Einsatz, bei dem die Schlagkraft der Spezialisten getestet wurde. Im Hallenbad war Schwefelsäure ausgetreten. Laut der örtlichen Medien mussten 30 Menschen evakuiert und vor den giftigen Dämpfen gerettet werden. 50 Feuerwehrleute waren stundenlang im Einsatz – davon alleine 30 aus dem ABC-Zug. Von den 700 Litern der Säure, die im Keller gelagert waren, hatten sich 400 Liter über den Boden ergossen. Mit Bindemitteln wurde die Säure aufgesogen, konnte dann in sicheren Fässern abtransportiert und entsorgt werden. Die Säure, die eigentlich den pH-Wert im Schwimmbadwasser senken soll, ist ätzend und reizt vor allem die Atemwege. Auch eine chemische Reaktion zu Chlorgas sei angeblich möglich gewesen, sagte damals die eingesetzte Polizei.
Nicht immer müssen es solche Großeinsätze sein, auch Ölfilme auf Gewässern, austretendes Wasserstoff-Peroxyd und Wasserstofftanks mit einem Leck sind Einsatzgebiete der Gefahrgut-Feuerwehr aus Werl. „Einmal hatten wir einen Austritt von Kohlenstoffdioxyd. Eigentlich sollte das Gas nur bei einem Brand austreten und die Flammen löschen. Doch an einem Rohr-Flansch trat es ungewollt aus“, berichtet Karsten Korte. Auch hier mussten die Feuerwehrleute unter schwerem Atemschutz arbeiten. Inzwischen gehen die Handgriffe jedoch sogar unter Vollschutz leicht von der Hand: „Wer genug übt, der kann das“, sagt Korte über die Einsätze, bei denen die Feuerwehrleute wie Astronauten aussehen. Alleine 17 dieser Anzüge wurden bei dem Austritt der Schwefelsäure im Hallenbad eingesetzt. Unter den Anzügen haben die Feuerwehrleute ebenso umgebungsunabhängigen Atemschutz.
Zurück zum Messeauftritt der Feuerwehr Werl, der seit mehr als zwei Jahren geplant wird und an dem 70 Leute beteiligt sind. „Uns helfen auch Ehrenmitglieder und Ehemalige“, sagt Karsten Korte, der natürlich auch von seinem Hauptberuf, der DHL-Betriebsfeuerwehr in Unna, Urlaub erhalten hat. Zu Beginn rief er einmal pro Woche alle für den Informations- und Planungsaustausch sowie die Vorbereitung und Ausarbeitung zusammen. Inzwischen sehen sich die Feuerwehrleute zwei bis drei Mal wöchentlich. Korte ist seit knapp zehn Jahren Leiter der ABC-Feuerwehr und seit 2008 auch Wehrführer-Vertreter in Werl. Auch sein achtjähriger Sohn Niklas ist inzwischen total vom Feuerwehr-Virus infiziert. Er ist fast so etwas wie das Maskottchen der Feuerwehrleute geworden. Der Kleine zieht sein Mini-Modell eines Vollschutz-Anzuges an und zeigt, dass Feuerwehr ab und an auch ein Kinderspiel sein kann – und auch ihm bringt das Abdichten der Rohre einen wahnsinnigen Spaß: „Aber es ist so warm darin“, stöhnt er, der kurz darauf zum Fußballspielen geht. Doch allen ist heute schon klar: Auch sein Hobby wird irgendwann einmal zischen, brennen, lecken und tropfen. Auch auf der Interschutz wird Niklas mit seinem Papa dabei sein – natürlich mit dem großen Dampfkessel – denn hier können auch andere Feuerwehrleute etwas lernen oder zeigen, was sie schon können.