Brandschutz-Aufklärung für Menschen mit Behinderung – Feuerwehr-Eisingen im St. Josefs-Stift

Jeder Mensch ist anders – und das ist auch gut so! Wer will schon sein, wie jeder andere? Doch wer von normalen und behinderten Menschen spricht, stellt sich als „Normalo“ oft ungewollt eine Stufe höher. Und wer sagt eigentlich, was normal ist und was nicht?! Fakt ist: Menschen mit Behinderung, wie sie landläufig genannt werden, können vieles genauso lernen wie Menschen ohne Behinderung. Doch die Methoden müssen anders sein und gerade beim Thema Brandschutz-Aufklärung, muss es Helfer geben, die sich mit Hingabe darum kümmern.

Im St. Josefs-Stift in Eisingen gibt es solche Menschen. Einer von ihnen ist Michael Langenhorst. „Die Brandschutz-Aufklärung hier bringt noch mehr Spaß als bei Kindergartengruppen. Es ist einfach etwas ganz anderes“, sagt er. Der 31-Jährige ist seit 18 Jahren in der Freiwilligen Feuerwehr Eisingen (Bayern) aktiv. Die Idee, Brandschutz-Aufklärung für Menschen mit Behinderung anzubieten, kam dabei eher durch Zufall. Alles begann, als der Diplom-Sozialpädagoge Langenhorst mit seinen Kameraden und anderen Wehren der umliegenden Gemeinden eine Übung im örtlichen St. Josefs-Stift durchführte. Damals arbeitete er auch in dem Wohnheim mit der angeschlossenen Werkstatt. „Plötzlich hatte ich ein „Aha-Erlebnis“, beschreibt er. „Ein Bewohner, der mich kannte, sah mich und rannte weg – so sehr erschrak er, als er mich in meiner Feuerwehrbekleidung sah. Er hat mich einfach nicht erkannt. Dabei hatte ich nicht einmal Atemschutz angelegt, nur Helm und Uniform.“ Das war kurz vor der Jahrtausendwende.

Gemeinsam mit seinem Wehrkameraden, dem ehemaligen Kreisjugendfeuerwehrwart Stefan Hupp, seinem heutigen 1. Kommandanten, also Wehrführer, kam ihm die Idee. Warum sollte die Brandschutz-Erziehung, die seit 1996 bereits von beiden im Kindergarten erfolgreich durchgeführt wurde, nicht auch bei den Bewohnern der Behinderteneinrichtungen und den Beschäftigten der Werkstätten für behinderte Menschen funktionieren? „Uns war klar: Das geht nur, wenn ausgebildete Pädagogen der Einrichtung dabei sind. Wir müssen ja wissen, was die Menschen für Hilfe benötigen und wo auch wir aufpassen müssen.“ Sehr schnell startete das Konzept noch im Jahr 2000 und die Mitarbeiter wurden einbezogen. Durch die Unterstützung der Volkshochschule wurden die Kurse also für alle Menschen gemeinsam durchgeführt, in den folgenden zwei Jahren sogar verdoppelt. „Wir haben dabei gelernt: Wenn wir einen Inhalt machen und den Inhalt hat der Mensch nicht verinnerlicht, dann liegt es nicht an diesem Menschen, dem Kursteilnehmer, sondern an meiner Person. Ich habe dann vielleicht die falsche Methode angewendet oder ich hab zu schnell gesprochen oder zu langsam. Habe ich ihm etwas schriftlich gegeben, obwohl er nicht lesen kann? Daher ist es so wichtig, sich intensiv mit den Betreuern vorzubereiten“, verrät Michael Langenhorst aus seinem Erfahrungsschatz der letzten zehn Jahre.

Brandschutz-Aufklärung für Menschen mit Behinderung

Brandschutz-Aufklärung für Menschen mit Behinderung

Doch ab und an wurden die Ratschläge der Experten auch extra nicht beachtet: „Selbst das bis dahin verbotene Thema ‚Notrufknopf‘, der mit der Brandmeldeanlage verbunden ist, haben wir angefasst, obwohl uns abgeraten wurde.“ Doch nur so konnte das Tabu für die Menschen mit Behinderung endlich mit Leben gefüllt werden. Von nun an gab es nicht nur die Ansage, den Knopf nicht zu drücken. Jetzt lernten sie, wann sie ihn eben doch nutzen dürfen – nämlich im Notfall, bei Feuer. „Niemals zum Spaß oder weil wir die Feuerwehrleute sehen wollen“, erklärt Erich Sonnenberg (40) und grinst dabei. Natürlich war das eine Entscheidung, die nicht so ohne weiteres hingenommen wurde und durchaus kritisch beobachtet wurde. Doch der Erfolg gab den Feuerwehrleuten recht: „Es hat keiner seither missbräuchlich auf den Knopf gedrückt“, sagt auch Dr. Andrea Schödl (36). Die Referentin des St. Josefs-Stifts ist sich sicher: Die Brandschutz-Aufklärungen mit der Freiwilligen Feuerwehr Eisingen sind erfolgreich und vorbildlich und durch nichts zu ersetzen. „Das zeigt, wie unsere Menschen umsichtig und vorsichtig mit dem Thema umgehen“, bestätigt Michael Langenhorst.

Was brennt, was brennt nicht - die Vorbereitungen

Was brennt, was brennt nicht: die Vorbereitungen

Ein ganzes Wochenende lernen die Kursteilnehmer alles zu den Themen: Welche Materialien können brennen, wie wird ein Notruf richtig abgesetzt und was muss dabei beachtet werden? Natürlich vermittelt der Kurs, was getan werden muss, wenn es doch einmal brennt. Doch keine der Aufgaben wird nur theoretisch besprochen. Wie kann ein Raum verlassen werden, der verraucht ist? Klar, man muss sich auf den Boden legen und herausrobben. „Der Rauch bleibt dann über uns und wir kriegen unten Luft“, sagt Ziska Sonnenberg (35). „Das ist ja aber noch nie passiert“, sagt sie und schaut ihren neben ihr sitzenden Mann Erich an. In diesem Moment sagt Michael Langenhorst: „Na, dann zeig mal, dass ihr das könnt.“ Die Stühle fliegen zur Seite, die Menschen lassen sich auf den Boden fallen, krabbeln nach draußen. Hinter der Tür stehen sie wieder auf. Klar! Der imaginäre Rauch hat sich ja verzogen, die Haustür ist ja auch offen – die Welt kann so einfach sein. Jasmin Wolf (24) ist eine der letzten in der Reihe. Sven Mangiagli (33), ihr Freund, ist fürsorglich, schaut immer wieder, wo sie denn bleibt und ob alle anderen auch raus sind. Es ist unübersehbar: Das Durcheinander hat System. Denn alle passen aufeinander auf. Keiner lässt den anderen allein. In anderen Kursen außerhalb des Wohnheimes ist das nicht immer so – da kümmern sich viele nur um sich, selbst im Spiel. „In der Realität wäre es wohl nicht anders“, attestieren die Feuerwehrleute.

Sie helfen, sie ergänzen sich Thomas Langenhorst im Gespräch

Sie helfen, sie ergänzen sich: Thomas Langenhorst im Gespräch

„290 Menschen mit Behinderung leben auf dem Gelände des St. Josefs-Stifts in Eisingen, weitere 90 Menschen in den umliegenden Gemeinden oder in der Region Aschaffenburg in gemeindeintegrierten Wohnformen“, sagt Dr. Andrea Schödl. Auch die 33-jährige Carolin Schmidt ist oft hier: „Ich wohne daheim, bei meinen Eltern“, sagt sie selbstbewusst. Dennoch verbringt sie viel Zeit im Stift, ist aktiv in der Theater- und Harfengruppe und bei vielen Freizeiten dabei. Außerdem arbeitet sie als eine externe Beschäftigte der Eisinger Werkstätte: „Hier arbeite ich mit Schrauben.“ Ihre Behinderung ist für sie kein wichtiges Thema, aber eines stört sie, sie kann schlecht sehen: „Daher kann ich auch nicht zur Feuerwehr“, sagt sie traurig. „Das ist ein Thema, das eigentlich einmal jemand angehen müsste“, ergänzt Michael Langenhorst. „Menschen mit Behinderung dürfen angeblich laut Brandschutzgesetz oder Unfallkassen nicht in die Feuerwehren eintreten. Das ist oft nicht zu verstehen“, so der passionierte Brandschutz-Erzieher. „Feuerwehr hat immer eine Faszination für unsere Bewohner“, sagt Andrea Schödl. „Ich finde es sehr gut, dass die Kooperation mit der Eisinger Feuerwehr besteht. Davon können beide Seiten profitieren, denn durch solche Veranstaltungen lernt man das gegenseitige Aufeinanderzugehen.“

Der Event-Charakter steht auch bei der Brandschutz-Aufklärung im Vordergrund: „Es darf nicht langweilig werden“, sagt Stefan Hupp. Daher hat er gemeinsam mit Michael Langenhorst auch oft Besuche mit im Programm. Die Berufsfeuerwehr Würzburg stand genauso auf dem Plan wie ganze Wochenenden mit der Jugendfeuerwehr.
„Ich kann hier ganz normal anders sein“, so lautet der Titel einer Broschüre des Stiftes auf dem Berg in Eisingen, Unterfranken. Und genau darum geht es auch in der Brandschutz-Aufklärung. Neu und vor allem auf Augenhöhe sind die Methoden, mit den Menschen umzugehen: „Wir sind ab und an eher auf dem Niveau von Kindern und Jugendlichen, weil es spielerisch zugehen muss. Bewegung und Spaß müssen dabei sein. Außerdem brauchen wir oft Pausen, in denen jeder sich entspannen kann. Dennoch ist klar, dass wir es hier mit erwachsenen Menschen zu tun haben.“

Trotz Verkleidung Vor Stefan Hupp braucht keiner Angst zu haben

Trotz Verkleidung Vor Stefan Hupp braucht keiner Angst zu haben

Gut 15 Stunden dauert ein Kurs. Es ist allen wichtig, dass sie etwas lernen und die Feuerwehr als etwas Positives, Gutes erleben. Dass das Gelernte hängengeblieben ist, wird am Ende auch geprüft. Dafür kommt extra ein Amtsträger der Feuerwehr in Garde-Uniform vorbei. Heute ist es Ferdinand Schiller (50), der Zweite Kommandant der Feuerwehr Eisingen. Natürlich ist die Führungskraft ausgezeichnet mit vielen Abzeichen an seiner Gala-Uniform. „Das ist wichtig, dass da nicht nur irgendwer kommt“, sagt Michael Langenhorst. „So merken die Teilnehmer, dass sie uns nicht egal sind. Es ist bedeutsam, was hier passiert. Ich bin Schiedsrichter und Prüfer zugleich. Natürlich ist das Ziel, das alle bestehen. Dennoch ist es eine wirkliche Abfrage“, so der Oberlöschmeister, der seit seinem 16. Lebensjahr in der Feuerwehr ist. Gewissenhaft stellt er Carolin Schmidt einige Fragen. Zuvor hat er einen Spickzettel erhalten, was genau in der Schulung behandelt wurde: „Carolin, was kann brennen?“ - „Holz“, die Antwort kommt ohne zu zögern. Sichtlich erstaunt über die Geschwindigkeit, fragt Schiller nach: „Was kann leicht brennen?“ - „Papier, Eierpapierschachtel und das Hemd“, sagt Carolin etwas zaghafter. „Richtig, Zeitungspapier zum Beispiel kann auch leicht brennen“, unterstützt der stellvertretende Wehrführer die zu Prüfende. Noch eine Frage: „Ist Rauch giftig?“ - „Ja, Rauch ist giftig. Wenn man ihn einatmet, dann fällt man um und ist bewusstlos.“ Danach applaudieren alle im Raum – das war alles richtig. Sie freuen sich mit Carolin. Schiller kommt kaum mehr zu Wort. Doch als er in die Runde schaut wird es leiser, alle erheben sich, es gibt viel Applaus und eine Urkunde. Stolz wird Carolin diese später allen zeigen.

Carolin Schmidt erhält von Ferdinand Schiller die Urkunde

Carolin Schmidt erhält von Ferdinand Schiller die Urkunde

„Die Feuerwehr ist nichts, vor dem man Angst haben muss. Der Feuerwehrmann, der möchte helfen. Deswegen müssen die Kursteilnehmer mich auch einen ganzen Tag kennenlernen. Dann zeigen sie die Urkunden noch Wochen später beim Bäcker und beim Metzger – und sogar ein Pfarrer sprach mich schon einmal an, was wir denn da gemacht haben. Wir lernen ganz viel von diesen Menschen. Diese Freude, diese Ehrlichkeit, diese Herzlichkeit geht unter die Haut“, erzählt Michael Langenhorst später in einer ruhigen Minute nach der Brandschutz-Aufklärung. Er ist zurück am Feuerwehr-Gerätehaus angekommen. Etwa 300 Menschen haben die Kurse in Eisingen in den letzten Jahren schon durchlaufen, „es ist aber noch sehr viel zu machen“, sagt er. „In fast jedem Kindergarten gibt es Kurse – aber für Menschen mit Behinderung eben nicht. Es gibt ältere Menschen, die noch nie etwas davon gehört haben. Die wohnen aber teilweise selbstständig in Wohnungen, wo es wirklich darauf ankommen würde.“ Problem sei vermutlich, dass viele die Aufgabe nicht wahrnehmen wollen. „Was sollen wir denn noch alles machen“, stöhnen viele ehrenamtliche Brandschützer schon jetzt. In Eisingen war das aber nie ein Grund, sagt Langenhorst: „Das St. Josefs-Stift ist seit 1972 ein fester Bestandteil im Ort, wir gehen da normal mit um.“

Doch eines ist ihm noch immer nicht klar: „Es wird neuerdings so viel von Inklusion gesprochen. Das soll ein Rahmen sein, in dem keine Ausgrenzung mehr stattfindet. Bis wir aber alle inkludiert haben, da lebe ich wohl schon nicht mehr. Dann dürfte es keinen Bordstein mehr geben, über den ein Rollstuhlfahrer nicht drüber kommt. Da müssten auch die Feuerwehren so offen sein, auch versicherungsrechtlich, auch rechtlich, dass wir geistig behinderte Menschen aufnehmen dürfen. Da gibt es ganz, ganz viele Baustellen. Manche Nachbarländer sind da schon viel weiter. In Dänemark gibt es zum Beispiel keine Förderschulen, da gibt es nur eine Gesamtschule. Da sitzt der geistig behinderte Mensch neben dem Hochbegabten. Und es funktioniert. Und beide lernen voneinander. Da haben wir noch einen ganz schönen Weg vor uns“, sagt Michael Langenhorst im Interview mit dem Dräger Feuerwehr-Reporter. Die Feuerwehrleute aus Eisingen und einige wenige weitere Helfer in Deutschland sind unterwegs. Für ihre Menschlichkeit, ihren Mut und die Arbeit mit diesen im positiven Sinne besonderen Menschen, kann es jedoch kaum einen Dank geben, der ausreicht. Das verdient höchste Anerkennung. Die Liebe, Wärme und Dankbarkeit der Menschen mit Behinderung, die ausgebildet werden, ist für viele jedoch der ausreichende Lohn.

Weiterführende Links:
www.feuerwehr-eisingen.de Internetseite mit vielen Tipps und Kontakten

www.Josefs-Stift.de Das St. Josefs-Stift im Internet

Ein toller Tag mit ganz besonderen Menschen am St. Josefs-Stift

Ein toller Tag mit ganz besonderen Menschen am St. Josefs-Stift