Werkfeuerwehr CHEMPARK Leverkusen – Sicherheit für 30.000 Mitarbeiter

Eine schier unglaubliche Verantwortung tragen Firmen, die mit gefährlichen oder für Mensch, Tier und Umwelt giftigen Produkten arbeiten oder diese herstellen. Aus dieser Verantwortung heraus entstanden Werkfeuerwehren, die auf den betriebseigenen Geländen im Einsatz sind, wenn die Gefahren für kommunale Feuerwehren zu speziell oder aus anderen Gründen nicht zu leisten sind. Mitten in Deutschland gibt es genau so eine Spezial-Feuerwehr, die als gutes Beispiel in der Industrie vorangeht und sogar für die Nachbarn und Anwohner transparent bleibt – obwohl hier viele Produkte hergestellt werden, die oft der höchsten Produkt-Geheimhaltung und sogar Patenten unterliegen.

„51°01’N 6°59’E“ – mit diesen Koordinaten wirbt der CHEMPARK. Ergänzt wird der englisch auszusprechende Name mit hartem „K“ am Anfang vom deutschen Hinweis: „Europas Chemiepark“. Dieser Park, der optisch so gar nichts mit Bäumen und Grünflächen zu tun hat, ist ein Zusammenschluss vieler Chemiefirmen an den drei Standorten Uerdingen, Dormagen und Leverkusen. An allen dreien gibt es Werkfeuerwehren. Der Dräger Feuerwehr-Reporter besuchte die Spezialisten der Werkfeuerwehr am Standort Leverkusen. Alleine hier arbeiten 30.000 Menschen. Oft sind die Mitarbeiter in mehreren Schichten tätig, so wird dort rund um die Uhr produziert. Sicherheit ist dabei das tägliche Geschäft: „Verfahrens- und Anlagensicherheit hat bei uns eine lange Tradition. Es ist unser gemeinsames Ziel, das erreichte hohe Niveau an Sicherheit ständig weiter zu verbessern“, lässt sich Dr. Ernst Grigat, Leiter des CHEMPARKS in einer Broschüre zitieren. Dieser Ansatz scheint keine bloße Worthülse zu sein, wenn man sieht, was allein die Werkfeuerwehr im 480 Hektar großen CHEMPARK Leverkusen an Technik und Personal vorhält. 150 Mitarbeiter arbeiten hier rund um die Uhr für die Sicherheit. Nicht nur im Brandschutz sondern auch im Rettungsdienst und in der Sicherheitszentrale.

Neben der Bayer HealthCare AG, die Arzneimittel und andere medizinische Produkte herstellt, sind Stoff-Veredler wie Lanxess am Standort Leverkusen angesiedelt. Hier werden Stoffe wie Schwefelsäure und Flusssäuren hergestellt oder weiterentwickelt. Auch hochwertige Textilfarbstoffe wurden lange hier produziert, genauso wie Elektronik-Chemikalien. So unterschiedlich die Firmen auch sind – sie alle liefern Rohstoffe, Grundstoffe und Produkte, die später für den Endverbraucher weiterverarbeitet werden. So finden sich an den drei CHEMPARK-Standorten viele Unternehmen, die der Automobilindustrie, der Medizin oder sogar dem Straßenbau zuarbeiten. Und die Dinge, die wir später wie selbstverständlich und ungefährdet nutzen, können in der Produktion zu Aufgaben der besonderen Art führen – auch für Feuerwehren. Die Gefahren von chemischen Produkten lassen sich dabei mit geübtem Blick, relativ einfach einordnen: Explosionsgefährlich, brandfördernd, hochentzündlich, sehr giftig, krebserregend und stark wassergefährdend – all das gibt es hier. Allein in Leverkusen gibt es über 5.000 Chemikalien.

Feuerwehrreporter: Werkfeuerwehr beim CHEMPARK Leverkusen

Werkfeuerwehr beim CHEMPARK Leverkusen

Dennoch: Die Gefahren sind kaum anders oder gar größer als bei kleinen Chemie-Unternehmen und Firmen mit Gefahrgut, die überall in Deutschland verstreut ihren Sitz haben. Der Vorteil am CHEMPARK: Die hier arbeitenden Experten haben kurze Wege und können schnell eingreifen. So betonen die Verantwortlichen auch: „Ein eigens für den Chemie-Riesen erstellter Alarm- und Gefahrenabwehrplan gewährleistet eine abgestimmte und geplante Vorgehensweise im Ereignisfall.“ Im Jahr 2009 weist die Einsatzstatistik im Bereich Brandschutz gerade einmal 24 Kleinbrände aus. Nur ein einziges Großfeuer galt es zu bekämpfen – jedoch 350 Brandmeldealarme, die sich als Fehlalarm herausstellten. Der große Faktor der Einsatzzahlen bei der Werkfeuerwehr im CHEMPARK Leverkusen liegt eindeutig im Bereich der Hilfeleistungen. Diese werden aufgegliedert in technische Einsätze im Zusammenhang mit Chemikalien (139) sowie der technischen Hilfeleistungen (147). Abgearbeitet werden diese von über 25 Feuerwehrleuten pro Schicht, die auch die beiden Rettungswagen der Werkfeuerwehr besetzen und im Jahr bis zu 800 Einsätze fahren. Zum Werk gehört auch eine spezialisierte Poliklinik mit einer eigenen notärztlichen Abteilung und einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF).

Zu diesen vielen Aufgaben kommen seit über 25 Jahren noch weitere spezielle Anfragen aus ganz Deutschland und Europa hinzu. Denn der CHEMPARK ist Teil des Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystems der chemischen Industrie – kurz TUIS. Rund 130 Chemie-Werkfeuerwehren in ganz Europa haben sich zusammengeschlossen und unterstützen die öffentlichen und kommunalen Feuerwehren mit einer ständigen telefonischen Erreichbarkeit zu allen erdenklichen Stoffen. Sollte also an der Nordsee ein Chemie-Großeinsatz laufen: In Leverkusen treffen die Informationen ein und Nachfragen zu Spezialinformationen werden zuerst telefonisch abgearbeitet. Wenn das nicht reicht, rücken die Werkfeuerwehrleute sogar selber mit technischem Gerät aus. Bis heute ist dies im gesamten TUIS-Netzwerk schon 24.000 Mal der Fall gewesen. In Leverkusen wurden im Jahr 2009 exakt 37 TUIS-Anfragen angenommen. Neun Mal rückten die Kräfte daraufhin zur Einsatzstelle aus.

Feuerwehrreporter: Sascha Fabian, Michael Wodarsch und der Manipulator

Sascha Fabian, Michael Wodarsch und der Manipulator

Die Werkfeuerwehr besitzt 13 Einsatzfahrzeuge – vom Teleskopmast über Löschfahrzeuge bis zum Gerätewagen Gefahrgut und einem Großtanklöschfahrzeug mit 12.000 Litern Wasser und 5.000 Litern Schaum sowie 14 unterschiedliche Logistikfahrzeuge vom Pkw bis zum Transporter. „Unsere Spezialpumpen sind groß angelegt. Bei uns geht es eben oft um viel Wasser. Wir brauchen in der Regel keine Einrichtung für den Innenangriff wie kommunale Feuerwehren“, sagt Diplom-Ingenieur Helmut Bauz (50), Leiter des operativen Brandschutzes. „Wir müssen gegebenenfalls Gase niederschlagen und später das Löschwasser wieder aufnehmen und der Entsorgung zuführen.“

Einmalig ist ein selbstfahrendes Gerät, das jedoch bei größeren Strecken immer gut eingepackt auf einem LKW transportiert wird. Der 400 Kilogramm schwere „Manipulator“ ist ein Gefährt, wie es sonst eigentlich nur Spezialeinsatzgruppen der Polizei vorhalten. Etwa 1,3 Meter lang, und nur 70 Zentimeter schmal kann der Greifarm in eine Höhe von 2,8 Meter ausfahren. Sogar Treppen erklimmt der fernsteuerbare Feuerwehr-Roboter mit seiner maximalen Geschwindigkeit von drei Stundenkilometern genauso leicht, wie Hindernisse die maximal 25 Zentimeter hoch sein dürfen. Mehrere Zusatzwerkzeuge sind für unterschiedlichste Einsätze vorhanden, bei denen sich Menschen in Lebensgefahr bringen müssten, um zu helfen. So gehören Bohrmaschine, Winkelschleifer, Schlagschrauber, ein Probennehmer und eine Säge dazu. Ein Ex-Warngerät schlägt Alarm, sobald sich explosionsfähige Gasgemische gebildet haben. Doch der besondere Clou ist der Fassöffner, der zum Beispiel bei Überdrücken in einem Behälter eingesetzt wird: „Früher mussten Kollegen ein Fass vorsichtig separieren und dann kontrolliert entlüften lassen, aus nächster Nähe. Doch das war natürlich eine gefährliche Sache. Heute haben wir dieses Gerät zur Fern-Handtierung. Wir können den Manipulator anfahren lassen und der erledigt diesen Auftrag – wir steuern ihn aus sicherer Entfernung aus“, sagt Michael Wodarsch (51). Der Hauptfeuerwehrmann und Rettungsassistent ist gelernter Feinmechaniker und seit 1981 bei der Werkfeuerwehr. Gemeinsam mit Sascha Fabian (34), bedient er den Roboter, der in der Fachsprache immer nur Manipulator genannt wird. Oberfeuerwehrmann Fabian ist Prozessleit-Elektroniker und seit elf Jahren bei der Werkfeuerwehr im Chemiepark Leverkusen. Während er den Manipulator auf das Fass zusteuert, stellt er zugleich die beiden angebauten Kameras zentimetergenau ein, schaltet die Scheinwerfer an. So kann der Feuerwehrmann über den großen Monitor am Bedienelement genau sehen, was der Roboter macht und wie er nun genau gesteuert werden muss, obwohl er weit entfernt und sicher steht. Sogar Töne werden von der Einsatzstelle zum Bedienelement per Funk zuverlässig und ohne Verzögerung übertragen.

Feuerwehrreporter: Jürgen Lehnert und Dirk Kühnert am Nachlaufstapler

Jürgen Lehnert und Dirk Kühnert am Nachlaufstapler

Doch nicht jeder Einsatz kann mit dem Roboter abgearbeitet werden. Für viele Aufgaben sind noch immer die direkte Herangehensweise von Technik und Mensch wichtig. Natürlich werden auch diese Aufgaben immer wieder geübt. So zeigen Jürgen Lehnert (46) aus Wuppertal und Dirk Kühnert (41) aus Bergisch-Gladbach beim Besuch des Dräger Feuerwehr-Reporters wie ein defektes Fass gesichert werden kann. Auch dabei kommen einzigartige Technik und raffinierte Tricks aus der Praxis zum Vorschein. Normalerweise werden Gabelstapler-Fahrer über eine Atemschutzflasche mit Luft versorgt, die sich auf der Maschine befindet. Doch in Leverkusen geht man auf Nummer sicher: „Natürlich sind wir unter schwerem Atemschutz, wenn wir mit gefährlichen Stoffen arbeiten. Wir haben uns auch etwas für den Notfall ausgedacht, haben eine abgesetzte Atemschutz-Flasche bei uns. Sollten wir den Nachlaufstapler also einmal verlassen müssen, können wir weiter sicher mit Atemluft versorgt werden“, sagt Lehnert, der seit 24 Jahren bei der Werkfeuerwehr am Standort arbeitet. Vorsichtig heben die beiden Feuerwehrleute das imaginär beschädigte Fass hoch. Sie tun für die Übung so, als sei ein ätzender Stoff darin verlastet, der nun auszutreten droht. Das Stückgut im blauen Fass wird vorsichtig angehoben und in einem Edelstahl-Überfass positioniert. Der Nachlaufstapler ist ein kleiner Gabelstapler, den die Feuerwehrleute hinten am Einsatzfahrzeug immer dabei haben.

Feuerwehrreporter: Peter Funke, Brandoberinspektor und Fach-Ausbildungsleiter

Peter Funke, Brandoberinspektor und Fach-Ausbildungsleiter

„Im Realfall würden die Einsatzkräfte natürlich auch einen Chemiekalien-Schutzanzug tragen“, bestätigt Diplom-Ingenieur Peter Funke. Der 47 Jahre Brandoberinspektor versieht im Einsatz- und Führungsdienst den B-Dienst, der standortübergreifend unterwegs ist. Er war im Rahmen von TUIS und der Werkfeuerwehr des CHEMPARK Leverkusen sogar schon in Tschechien im Einsatz. Der Fach-Ausbildungsleiter hält den Anzug, der kurz nur CSA genannt wird, in der Hand, hat aber hier extra auf den Schutz für seine Kollegen verzichtet: „Wir wollen ja auch einmal Handgriffe sehen, die unter dem CSA verborgen bleiben würden.“ Diese sprichwörtliche Transparenz bei der Arbeit beweist der CHEMPARK auch sonst. Zum Beispiel im Umgang mit seinen Nachbarn. So werden regelmäßig Besuchertage abgehalten, bei denen Rundfahrten und Blicke hinter die Kulissen erlaubt und gewünscht sind. „Vertrauen schaffen durch Offenheit“, lautet das Motto der drei Standorte. Die Arbeitsweise der Feuerwehr spiegelt dies uneingeschränkt wieder – und das augenscheinlich nicht nur, weil die Aufgaben dazu verpflichten.

Feuerwehrreporter: Besucherempfang des CHEMPARK Leverkusen

Besucherempfang des CHEMPARK Leverkusen